Aletschgletscher und Konkordiahütte

Aletschgletscher und Konkordiahütte

Gleich aus zwei Gründen musste ich nach Luft schnappen. Nicht nur durch die dünnere Luft auf 3466 m ü. M., sondern in erster Linie durch diese faszinierende Aussicht auf den Aletschgletscher.

Atemberaubend, einzigartig, ganz großes Kino – ich bin überwältigt. Denn was keiner weiß, oder eher gesagt, bisher keine wusste, dieser Moment ist mein Kindheitstraum. Schon früh habe ich meine Liebe zu den Bergen entdeckt und irgendwann einmal habe ich mir gewünscht, vom Jungfraujoch auf den Aletschgetscher zu schauen. Warum? Ich weiß es nicht. Ich verlor es jedoch nicht aus den Augen und ein paar Jahrzehnte später sollte es nicht nur beim Anblick bleiben. Aber der Reihe nach.

Tag 1 – auf dem Weg zur Konkordiahütte

Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker und ich mache mich nach einer Tasse Kaffee und einer vorerst letzten Dusche auf den Weg zum Bahnhof in Grindelwald. Um 8.05 Uhr fährt der Zug zur Kleinen Scheidegg, der höchst gelegene Bahnhof Europas. Und nicht nur das, für mich ist er auch der Schönste! Der liebliche Schweizer Baustil vor dieser markanten Kulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau machen diesen Ort hier oben einzigartig. Es ist fast ein wenig widersprüchlich – auf der einen Seite diese ruhige Bergwelt, auf der anderen Seite das Treiben, wie es eben auf einem Bahnhof herrscht. Für die Weiterfahrt auf das Jungfraujoch sind für die Gruppen der Bergschulen Sitzplätze reserviert. Ohne Reservierung und den vorherigen Ticketkauf hat man kaum eine Chance spontan einen Platz zu ergattern. Bei schönem Wetter sind die Plätze bereits in aller Früh ausverkauft.

Auf dem Jungfraujoch selbst gibt es in meinen Augen allerlei unnützes Zeug. Vom Lindt Chocolate Heaven über diverse Top of Europe Shops gibt es viele Möglichkeiten, seine Schweizer Franken unter die Leute zu bringen. Aber das ist letztendlich ja alles Geschmacksache. Interessanter ist da schon der Eispalast und der spiegelglatte Rundweg durch die Eiswelt. Bergführer haben diese Gänge bereits in den dreissiger Jahren begehbar gemacht. Heute kann man hier Kunst aus Eis bestaunen.

Auf dem Jungfraujoch angekommen begrüßt uns der Bergführer. Aber wer ist eigentlich „uns“? Diese Tour macht man natürlich nicht einfach mal so alleine! Entweder hat man selbst eine Menge Hochtourenerfahrung und kennt sich in dem Gebiet aus, oder man bucht sich bei einer Bergschule ein. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden bzw. wir. WIR, dass sind eine Gruppe von fünf Mädels und meinem „Quoten“ Mann. Der im übrigen schon Angst hatte, dass wir eine Bergführerin bekommen 🙂

Wir bekommen unsere Ausrüstung mit Steigeisen und Co., eine Einweisung und eine Ansage zum heutigen Ablauf. Sobald alles sitzt, geht es auch schon los. Wer das Laufen mit Steigeisen nicht kennt, muss sich erstmal daran gewöhnen. Das Gehen muss etwas Breitbeiniger ablaufen als normalerweise. Ich kenne das bereits vom Schneeschuhwandern und bin glücklicherweise schnell im Tritt.

Gletscherspalten

Unser Weg verläuft durch das ewige Eis und da es ein paar Tage zuvor ein wenig Neuschnee gab, ist der Gletscher im oberen Bereich noch frisch eingeschneit. Das schaut zwar nett aus, birgt aber diverse Gefahren. Und bereits nach ein paar Metern ist es passiert – meine Vorläuferin rutscht in eine Gletscherspalte. Der Neuschnee hat sich leicht über die kleinen Spalten gelegt, so dass sie teils nicht erkennbar sind. Die Sekunden des Schreckens halten glücklicherweise nur kurz an. Die Spalte ist klein und sie kann sich rasch selbst aus dieser Misere befreien.

Ich glaube, in diesem Moment haben wir uns alle gefragt, wieso wir uns nicht auf eine Almhütte gesetzt haben. Ein Blick nach vorne beantwortet die Frage jedoch rasch.

467 Stufen über dem Gletscher

Die Tour über den Gletscher führt am ersten Tag bis zur Konkordiahütte. Bis hierher sind es 8,5 Kilometer Fußmarsch über pures Eis. Jeder Schritt erfordert absolute Konzentration und das Laufen mit Steigeisen am Bergschuh wird nach und nach beschwerlicher. 8,5 Kilometer hören sich nicht nach einer sonderlichen Entfernung an und die ungefähre Lage der Hütte ist recht früh sichtbar. Doch sie scheint lange Zeit nicht näher zu kommen.

Zwischen den zerklüfteten Eisplatten gibt es immer mal wieder kleine Geröllfelder auf denen wir eine Pause einlegen. Eine Brotzeit und eine Tasse heißer Tee schmeckte bisher nirgends so gut wie in dieser einzigartigen Kulisse. Ich habe das Gefühl ich sitze im „Nichts“, mitten auf einem Gletscher, unter mir meterhohes Eis, neben mir die 4000er des Berner Oberlandes. Ein unbeschreiblich schöner Moment.

Nach knappen 4 Stunden erreichen wir den Ausgang zur Konkordiahütte am Konkordiaplatz. Was allerdings nicht heißt, dass die Hütte auch erreicht ist. Ab hier heißt es: 200 Höhenmeter und 467 Stufen! Denn das Gletscherniveau sinkt durchschnittschlich über einen Meter pro Jahr. Wurde die Hütte einst am Fuße des Gleteschers erbaut, blickt man heute von hier rund 200 Meter zu ihr empor. Für den Zustieg muss deshalb eine immer länger werdende Stahltreppe erklommen werden. Das gab bei dem einen oder anderem schweißnasse Hände.

Oben angekommen haben wir uns ein kühles Getränk verdient. Der Blick von der Terasse gleicht einem Märchen. Berge soweit das Auge reicht. Jeder Blick, jede Sekunde wird aufgesogen wie ein Schwamm. Man möchte für immer diesen Augenblick genießen, ihn nie vorbei gehen lassen. Und doch zieht einen die Erschöpfung, und der Hunger irgendwann in den Speisesaal.

Nachdem Abendessen beziehen wir unser Lager. 12 Betten stehen pro Zimmer zur Verfügung. In diesem besonderem Jahr 2020 ist die Belegung jedoch recht angenehm. Wir haben das Zimmer als Gruppe für uns allein und können es uns mit nur 6 Leuten gemütlich machen. Was leider nicht unbedingt zu einem erholsamen Schlaf beigetragen hat. Wir liegen alle die ganze Nacht wach und machen kein Auge zu. Auf 2850 Metern war das zu erwarten, denn:

  • ab 1.500 Metern können bereits die ersten Symptome der  Höhenkrankheit  auftreten 
  • Übelkeit, Kopfschmerzen und Schlafstörungen sind die Folge
  • Das Klima in den Bergen beeinträchtigt den  Schlaf-Wach-Rythmus 

Und wir sind das Schlafen in dieser Höhe einfach nicht gewohnt.

Tag 2 – ins Fieschertal

Um 4 Uhr in der Früh klingelt der Wecker. Wir machen ihn bereits um 3.55 Uhr aus und stehen auf. Der Blick in den Spiegel…ich erspare Euch Details. Nur soviel…meine Augenlieger sind größer als die Augen selbst. Wirklich fließendes Wasser gibt es hier oben nicht. Drei Tropfen Wasser im Gesicht und Zähne putzen, mehr ist nicht drin.

Ein Kaffee und eine Scheibe Brot bilden meine heutige Essengrundlage. Frühstück vor 12 ist einfach nicht mein Ding. Ich packe mir noch ein Stück Brot in den Rucksack, befülle meine Flasche mit heißem Tee und schon stehen alle bereit für den zweiten Tag. Die Freude ist trotz aller Widrigkeiten enorm! Wir beginnen damit, die 200 Höhenmeter zurück zum Eis abzusteigen. Heute jedoch nicht über die Stahltreppe, sondern über ein kurzes, knackiges Stück Fels und Geröll. Über den Aletschgletscher geht es dann 12,5 Kilometer bis zur Fiescheralp im Wallis. 6 Stunden Fußmarsch sind dafür angesetzt.

Der Gletscher hat sich bis hierher stetig verändert. Vom Neuschnee ist nichts mehr zu sehen und das gestern noch teils ebene Eis ist hier nun zunehmend zerklüftet und durch Geröll und Ablagerungen grau verfärbt. Auch der Wegverlauf ist nicht mehr so leicht erkennbar wie gestern und wir müssen unseren Weg durch die Spalten mühsam suchen. Manche Gruppen schlagen sich Trittstufen ins Eis. Andere müssen ein Stück zurück gehen, um eine geeignete Route zu finden.

Ein durchziehender Nebelschwaden macht es dann auch noch ein wenig mystisch – zum Glück nur kurz.

Irgendwann erreichen wir den Gletscherrand. Hier ist die Gefahr einzubrechen relativ hoch, denn das Eis schmilzt von unten weg, das Schmelzwasser fließt unterirdisch und die Dicke der Eisdecke ist von oben nicht einsehbar. Unser Bergführer hat es hier sichtlich eilig. Wir erreichen den Ausgang jedoch sicher und haben wieder Fels unter den Füßen. Sicherungsgurt und Steigeisen verschwinden im Rucksack. Wir machen eine ausgiebige Pause und lassen den Blick zurück schweifen in Richtung Jungfraujoch.

An die letzte Stunde erinnere ich mich irgendwie so, als hätte ich sie geträumt. Der Kontrast zwischen der kargen Landschaft aus Eis und Geröll und die jetzige Sicht auf das liebliche, grüne Fieschertal im Wallis stehen einfach zu arg im Kontrast. Mit der Seilbahn in Fiesch schweben wir ins Tal. Mit dem Zug – wie sonst in der Schweiz – fahren wir mit dreimaligem Umsteigen in gut drei Stunden zurück nach Grindelwald. Dorthin, wo alles begann.

Es war eine atemberaubende Tour. Meine erste Tour dieser Art. Ein unvergessliches Erlebnis. Eine neue Erfahrung. Eine immerwährende Erinnerung. Und nicht meine letzte…

Ich gehe duschen!

Gebucht habe ich diese Tour über eine Bergschule in Grindelwald. Die Kosten für Führung, Übernachtung mit HP und das Rundreiseticket (Fahrt auf das Jungfraujoch und Rückreise nach Grindelwald) beliefen sich auf 500 CHF pro Person.

Danke Mandy für diese Idee!

2 Antworten

  1. Mandy L. sagt:

    Hallo Steffi,
    tolle Beschreibung. Sie gibt es auf den Punkt wieder.
    Ich bin nach wie vor – wie du offensichtlich auch – überwältigt, beeindruckt….. (Wortlos!) und verrate auch niemandem, dass die Tränen vor Überwältigung beim ersten Schritt auf den Gletscher über meine Wangen kullerten.
    Auch für mich war es mit Sicherheit nicht das letzte Mal!
    Ein Wort zu unserer Gruppe: „Fantastisch!“ 😉 und dein „Quotenmann“ hat sich tapfer geschlagen.
    LG Mandy

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